Zum Überleben nach Frankreich

Uns war mal nach ein wenig heimatähnlichen Einkaufsgefühlen zumute und wir beschlossen, diese in Frankreich auszuleben. Die Tram bringt uns bis vor den Grenzübergang bei Moëllesulaz. Seit Schengen sind die Granzpostenhäuschen zwar verwaist, aber trotzdem betritt man gefühlstechnisch ausländisches Terrain. Wir hätten angesichts von leeren Rucksäcken, Riesentaschen (und leeren Taschen in den Taschen) und einem Bastkorb vom Ausmaß eines Jauchefasses auch wenig mit der Behauptung überzeugt, wir würden uns nur den wun-der-schö-nen Ort ansehen wollen (der ist im wahrsten Sinne des Wortes nämlich echt grenzwertig).


TEIL 1 der Story, der romantische Groschenroman:

Nachdem wir unsere Kutschfahrkarte mit €uros in die kulinarische Freiheit gelöst haben, knistert in der Luft prickelnde Spannung: Wann wird der erste Supermarché auftauchen? Und wer wird er sein? Ein royaler Mogul mit gar prächtiger Befestigungsanlage? Wird er unsere lodernde Konsumgier bändigen können?

Irgendwann kommt er, der königsblau leuchtende Heilsbringer: Der göttliche Lord „Carrefour“ erscheint am Horizont und zaubert einen verklärten Blick auf die schmachtenden, ausgezerrten Gesichter. Die eleganten Schiebetüren gleiten auf und lassen eintreten in den Tempel der Verheißung. Mit leuchtenden Augen und einem blutrauschendem Kopf wird nach anfänglicher (Preisschild-reizüberfluttechnisch bedingter) Zurückhaltung den Sinnesfreuden zügellos nachgegeben: Ziegenkääääse! Saaaahne!! Rindersteeeeak!!! Desinfektionsspraaaay!!!! Aus den Gängen erschallen extatische Freudenbekundungen...

Lady Bettina fährt ihren Einkaufswagen in feierlicher Prozession zur Kasse, Earl Hendrik bettet die Dr.-Oetker-Ristorante-Pizza so behutsam auf das Fließband als wäre sie aus Meissner Porzellan und mir stehen Tränen der Dankbarkeit in den Augen, als die Kassiererin die Butterpäckchen über den Scanner gleiten lässt und auf dem Display jedes Mal nur 1,35 € aufleuchtet...


TEIL 2 der Story, der krimitaugliche Flüchtlings-Thriller:

Die Sonne ist bereits fast untergegangen, als wir den Carrefour verlassen und wir schleppen uns im Schutze der Dunkelheit zur Bushaltestelle. Ob alle durchkommen, wird sich erst noch zeigen; die vollen Einkaufstaschen schneiden schwer ins Fleisch, das Blut tropft, versiegt im Asphalt und gibt Zeugnis eines unmenschlich aufreibenden Tages.

Bis an die Zähne bewaffnet mit deklarationspflichtigen Nahrungsmitteln, gelangen wir zum schummrig ausgeleuchteten Grenzübergang, jeder nur eine ungefähre Ahnung über die einfuhrfreien Mengen (Schweiz macht bei der Zollunion nicht mit!).
Wie Waffenschmuggler erster Güte eilen wir im Menschengewühl schnellen Schrittes mit stärkerem Puls über die Grenze – haben sie uns bereits im Visier? - und schmeißen uns, unsere Habseligkeiten wie Säuglinge an unsere Herzen gepresst, in die Tram... „Fahr! Fahr los! Sie sind hinter uns...!“ Der Rest geht unter im Kugelhagel...

Wenige Momente später betreten die Spezialeinheiten das Abteil der Tram, schwer verwundet greife ich nach dem am nächsten herumliegenden Gegenstand, reiße mit letzter Kraft kämpferisch den Arm hoch und röchle: „Ihr!!! Damit Ihr es wisst! Nicht Ihr habt uns umgebracht!!! Nein! Wir haben uns selbst... totgekauft!!! So und nicht anders!“ Dann verlassen mich die Kräfte und meine Hand fällt leblos herab, eine Rolle Ziegenkäse fest umklammert...

¡Arriba!

Eure Wiwi


4.11.09 23:41

Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen