Anstand beim Aufstand

Ein kleiner Essay zum Thema gut gemachtes Marketing.

Seit Wochen nun drängten einem die Plakatwände förmlich auf, welche Designer-Liaison H&M seit neustem eingegangen war und zwar in einem Ausmaß, dass selbst eingefleischte Nerds doch einmal eine Google-Hilfe-Suchanfrage mit dem Inhalt „Jimmy Choo“ absetzten und erfuhren, dass es sich „so um Schuhe und so“ handeln würde. Wer sich auf der Internetseite des schwedischen Moderiesen herumtrieb, wurde sogar eigens unter der Rubrik „Infos zum Kauf“ darauf eingestimmt, wie der Ablaufplan am 14. November 2009 aussah; die jeweils ersten 160 Kunden mit grauem Erkennungsbändchen für den Exklusivbereich, Öffnung für alles nach 2 Stunden, Stückzahlbeschränkungen etc. pp. Das alles deutete auf den Wahnsinn par excellence in der Morgenstunde hin, sodass auch ich meinen Hintern zu nachtschlafender Zeit für Jimmy aus dem Bett bewegt habe.

Alles hatte ich erwartet; eine trampelnde Elefantenhorde, animalische Klauenkämpfe, Biss- und Kratzwunden, ausgekratzte Augen und abgerissene Gliedmaßen wie zu besten Aldi-Zeiten, als die werte Kundschaft mittwochmorgens noch mit gewetzten Messern losgezogen ist, weil Fernseher im Angebot waren – umso erstaunter war ich, als ich stattdessen nur eine überschaubare Mädelsmasse vorm Eingang erblickte.
Zwar entdeckte ich dann die mindestens 300 m lange Schlange, richtig runtergefallen ist die Kinnlade aber dann doch erst, als sich die Pforten der Verheißung öffneten und ich mich ob des erwarteten Erdbebens fest am Laternenpfahl festklammerte. Aber was soll ich sagen: statt Piranha-Becken eine Schulkasse anno 1927, die brav in Zweierreihen dem freudigst erwarteten Religionsunterricht entgegenfiebert! Kein Schubsen, kein Drängeln, ich frage mich wirklich, wozu eine Polizeieinheit vorm Laden stand...

Wahrscheinlich wohl für die Vorgänge darin! Man stelle sich die nicht auszudenkende dramatische Situation vor, dass zwei It-Girls im selben Moment nach demselben Paar High Heels greifen. Vor lauter Höflichkeit schreit die eine bestimmt: „Erste! Du hast sie zuerst gehabt!“ - „Nein“, kräht die andere völlig selbstlos zurück, „Du warst es! Ich hab’s doch genau gesehen! Du probierst sie jetzt SOFORT an oder es fließt Blut, du Bitch!“
Oder Fashion-Victim 1 probiert das (traumhafte!) asymmetrische schwarze Lederkleid an, dreht und wendet sich vorm Spiegel, erblickt Fashion-Victim 2, reißt sich das Kleid vom Leib, spurtet nackelig durch den Laden, drückt ihr den Fummel in die Arme und fleht: „Zieh Du es an! Es wird Dir besser stehen! Dieses Stück stoffgewordene Offenbarung verdient eine würdige Trägerin!!“

Zum Heulen schön. Ich bin dann wieder zurückgegangen. Ohne Reihestehen. Ohne Jimmy. Aber ganz viel Respekt vor soviel Etikette im Krieg.



15.11.09 00:34

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